Zwischen Markt und Politik

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Die Kernfrage zur Zukunft der Landwirtschaft in Deutschland lautet: Sollen hierzulande weiterhin agrarische Grundnahrungsmittel angebaut und erzeugt werden? Weizen, Kartoffeln, Äpfel, Milch oder Schweinefleisch; konventionell und weltmarktfähig. Die Frage klingt für Laien absurd, die sich womöglich fragen, was ein Bauer denn sonst so tun soll. Auch für die meisten Landwirte selbst klingt sie irrelevant; sie haben sich längst entschieden, dass sie all diese Güter erzeugen wollen, weil die Erlöse und Ernten gut sind und auch der Export wächst. Deutschland ist wassereich, hat gute Böden und zählt zu den besten Ackerbauregionen auf der Welt.
Teile der Politik, ebenso wie viele Medien oder Verbraucherverbände, sehen die Sache allerdings anders: Es sei keine zukunftsgewandte Einstellung, hier „Massenprodukte“, anzubieten, also agrarische Grundnahrungsmittel zu erzeugen. Ähnlich wie im Automobil- oder Maschinenbau müsse sich die Branche dahin entwickeln, für Export hochwertiges Bioobst oder veredelte Hochpreis-Lebensmittel hierzulande zu erzeugen, lautet der Tenor in manchen Berichten und in Politikreden – von seiten der Grünen und von konservativen Agrarexperten aus den südlichen Bundeländern, wo diese Spezialisierung ohnehin stark ausgeprägt ist. Zudem versuchen grüne Agrarminister in drei agrarischen Flächenstaaten des Nordwestens mit neuen Verboten oder Vorschriften eine „Agrarwende“ einzuleiten. Sie richten sich im Wesentlichen gegen das, was die Mehrheit der Landwirte in der dortigen Region – im Gegensatz zu ihren Kollegen in Süddeutschland – vorzugweise praktizieren: konventionelle Massenproduktion.
Die Idee von der Umstellung auf Hochpreis-Produkte hat auf den ersten Blick Charme und lässt sich mit umweltpolitischen Forderungen verbinden, Landwirte müssten von der EU mehr Geld für Umweltschutz und Ökolandbau erhalten. So können sie Flächen aus der Produktion nehmen, Schmetterlingen mehr Lebensraum gewähren und auf den verbleibenden Äckern etwa Demeter-Aroniabeeren für Export nach Asien anbauen. Viele klein- und mittelständische Betriebe in der Land- und Ernährungswirtschaft machen dergleichen mit Erfolg. Safthersteller wie Beutelbacher oder Voelkel beliefern zum Beispiel Luxuswarenhäuser in aller Welt und steigern Umsatz und Export mit schnellem Tempo.
Doch die Erfolge in der Nische können nicht darüber hinwegtäuschen, dass rund 94 Prozent der Ackerflächen für den konventionellen Pflanzenbau verwendet werden, davon der Großteil für Futtermittel sowie für die Erzeugung von Milch, Käse oder Fleisch – drei „Massenprodukte“, deren Export in die EU und nach Russland und Asien ebenfalls seit Jahren steigt. Mit ihm auch der Erzeugerpreis für Milch, der zuletzt auf den höchsten Stand seit fünfeinhalb Jahren gesprungen ist. Laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung erhielten Bauern nun rund 37 Cent – rund 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Allerdings spüren sie zunehmend, dass die Abhängigkeit vom Export von Milch und Fleisch auch Risiken mit sich bringt: Russland überrascht immer wieder mit fadenscheinig begründeten Importboykotts. Seit Monaten sind die Grenzen nahezu dicht. Viele vermuten, Russland wolle die weniger leistungsstarke Landwirtschaft in der Heimat schützen.
Es sind gleichwohl weiter nicht das Bioland-Lamm aus dem Taunus, nicht der regionale Apfelmost und nicht das Demeter-Hundefutter, die den Umsatz der Landwirtschaft im Kern ausmachen und nach oben bewegen. Trivialprodukte wie Korn und Schwein bescheren den deutschen Bauern und dem ganzen weltweiten „Agribusiness“ – von Traktorhersteller wie New Holland, Stalleinrichtern wie Big Dutchman bis hin zu Agrarchemie- und Saatgutkonzernen wie BASF, Bayer oder Monsanto – Milliardenumsätze.
Tatsächlich steigt der Bedarf auf der Welt gerade nach tierischen Grundnahrungsmitteln (in Schwellenländern in Asien, die zu Produktionsengpässen auch Lebensmittelskandale plagen) oder auch wieder nach Getreide (in den Ländern des nahen Ostens wie Syrien oder Ägypten, wo es teils dramatische Versorgungslücken infolge der politischen Wirren gibt). Jenseits der politischen Einflüsse nährte eine Studie vom Frühjahr Zweifel daran, dass die stark wachsende Weltbevölkerung in den kommenden Jahrzehnten ernährt werden könne: Die Erträge der vier wichtigsten Pflanzen Reis, Mais, Weizen und Soja steigen demnach nicht stark genug, um die Nachfrage zu bedienen. Eine Ernährungskrise drohe, heißt es in dem Forschungspapier von amerikanischen Agrar- und Umweltwissenschaftler um Jonathan Foley von der Universität Minnesota. Auch nach Prognosen der Weltagrarbehörde FAO werden Landwirte auf der Welt bis 2050 doppelt so viel Getreide ernten müssen wie heute. Damit stellt sich bei der Ausrichtung des deutschen Agrar-Geschäftsmodells die –Frage, ob künftig die Welternährung oder die Erzeugung von Luxusgütern gesichert werden soll. Der Strukturwandel setzt sich unterdessen dramatisch fort. Die Zukunft scheint neben den kleineren, spezialisierten Demeter- oder Bioland-Betrieben vor allem den großflächigen Haupterwerbshöfen zu gehören. 2012 gab es mit 287500 Bauerhöfen rund 70000 weniger als noch vor fünf Jahren. Es waren etwa zehn Prozent weniger als im Vorjahr. Allerdings gibt es viele Kleinst- und Nebenerwerbsbetriebe, die seit 2007 nicht mehr in die Statistik eingehen, wenn sie weniger als fünf Hektar groß sind. Knapp der Viertel aller Betriebe halten Tiere – die meisten Schweine oder Milchvieh.
Gerade die Leistungsträger der Landwirtschaft sehen sich finanziell und moralisch in Bedrängnis. Ausgerechnet vom Einzelhandel – der für den großen Preisdruck in der Branche verantwortlich gemacht wird – geht nun eine Initiative aus, die wohl mehr als 100 Millionen Euro in die Kassen der Tierhalter spülen soll, wenn sie in größere und luftigere Ställe investieren. Spitzenvertreter der größten deutschen Handelsketten einigten sich darauf, dass ihre Unternehmen im Laufe des kommenden Jahres in einen gemeinsamen Fonds einzahlen; Rewe, Edeka, Lidl, Aldi und Metro sind dabei.
Seit mehr als hundert Jahren ernähren immer weniger Bauern die Menschen. Die Produktivität je Erwerbstätigem verdoppelte sich seit 1992. Weiter sind die Sorgen groß, dass viele Betriebe keinen Hofnachfolger finden könnten. Die kleinen Höfe verschwinden auch deswegen, weil es nicht genügend Jungbauern gibt, die sie übernehmen wollen, geht aus der jüngsten Statistik des Bauernverbandes hervor. Auch die Zahl der Nebenerwerbsbetriebe schrumpft. Sie repräsentieren immerhin rund ein Viertel der Bauernhöfe. Solche „Hobby-Bauern“ gibt es vor allem in Hessen, Baden-Württemberg oder Rheinland-Pfalz. Bei ihnen ist jedoch die Hofnachfolge unsicher oder nicht klar geregelt.

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Bild oben: Bioanbau nach Gutsherrenart: Die Mitarbeiterin einer Ökogärtnerei in Brandenburg bearbeitet in traditionellem Stil den Ackerboden.
Quelle: FAZ, Nr. 219, Ausgabe 2013-09-20